Japanische Arbeitswelt

Ein bekanntes Japan-Klischee besagt, eine japanische Firma sehe sich als große, harmonische Familie, weswegen es nur äußerst selten zu Entlassungen käme, die Angestellten eine praktisch lebenslange Arbeitsplatzgarantie hätten, man alles im Konsens entscheide, alles gemeinsam mache (zum Beispiel Firmen-Frühsport) usw.

Die tatsächlichen Zahlen dazu sprechen allerdings eine andere Sprache. Die lebenslange Arbeitsplatzgarantie gibt es erstens nur in größeren und großen Unternehmen, zweitens ist sie nicht lebenslang, sondern in aller Regel bis 55 (Renteneintrittsalter wie bei uns 65), und drittens gilt sie auch nur für die männliche Kernbelegschaft. Nur etwa 25 - 30% der Japaner genießen einen solchen Status. Was natürlich nicht heißt, daß das japanische Management sich nicht für seine Mitarbeiter verantwortlich fühlen würde, aber das ist bei uns ja in der Regel auch so.

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Der japanische Arbeitsmarkt ist zweigeteilt: die Mitglieder der Kernbelegschaften großer Firmen und der Rest.

Im Gegensatz zu den im Westen üblichen Verhältnissen ist die Ware "Arbeit" in Japan nicht standardisiert, d.h. es gibt kaum allgemein anerkannte Ausbildungsgänge, die die jeweilige Arbeitskraft zu einer bestimmten Tätigkeit qualifizieren. Nicht mal ein Hochschulabschluß dient diesem Zweck. Statt dessen bilden die (großen) Firmen ihre Leute selber aus. Es gibt dabei eine Art stillschweigende Vereinbarung: am Anfang werden die Mitarbeiter unter Wert bezahlt, dafür aber regelmäßig befördert, und so steigt das Gehalt mit zunehmendem Alter und Firmenzugehörigkeit an. Die Angestellten, die dieses Status genießen, haben dann auch diese berühmte Beschäftigungsgarantie (allerdings nur bis 55), die aber nirgends schriftlich fixiert ist, sondern auf Vertrauen beruht. Deswegen ist der Ruf einer Firma in Japan wichtig und deswegen haben (oder zumindest hatten) ausländische Firmen es schwer, gutes Personal zu bekommen: man war sich nicht sicher, ob sie das "Versprechen" würden einhalten können. Das allerdings fällt heute auch japanischen Firmen zunehmend schwer, denn dieses System, das auf regelmäßigen Beförderungen beruht, funktioniert nur, wenn die Firma immer weiter wachsen kann. Kann sie es nicht mehr, gibt es einen Beförderungsstau, Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern und zunehmend auch Entlassungen.

Das Beförderungssystem bietet andererseits einen guten Leistungsanreiz: wer dumm und faul ist, wird langsamer und ab einer bestimmten Stufe gar nicht mehr befördert. Dafür bildet es aber in der rasch alternden japanischen Gesellschaft einen zunehmenden Wasserkopf von Direktoren, denen immer weniger einfache Arbeiter gegenüberstehen. Das ist vor allem teuer, und so sind die Löhne in der Tat in den letzten Jahren langsamer gestiegen, als das anfangs vorgesehen war.


Da jede Firma spezifisch ausbildet und entsprechend spezifische Anforderungen stellt, gibt es kaum Wechsel zwischen Firmen, d.h. Quereinsteiger. Für die Firma lohnt es sich nicht, weil sie einen älteren Arbeitnehmer bekommt, der wieder unten anfangen muß, für den Arbeitnehmer lohnt es sich aus demselben Grund ebenfalls nicht.

Das gilt sogar für die Führungsebene, die Manager: es gibt praktisch keinen Arbeitsmarkt für Manager. Wenn einer seine Firma in die Pleite wirtschaftet, bekommt er keine Chance mehr, irgendwoanders neu einzusteigen, und wird bis zur Rente arbeitslos. Das ist also genau umgekehrt wie bei uns (Stichwort "Nieten in Nadelstreifen").

Das ist auch der Grund, warum es in Japan relativ wenige Firmenzusammenschlüsse gibt. Erstens passen die Unternehmenskulturen in aller Regel nicht zusammen, und zweitens haben die Manager auch persönlich Angst, rausgeworfen zu werden, was für sie das Ende bedeuten würde.

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Was passiert mit den Leuten zwischen 55 und 65?

Nun, japanische Großunternehmen haben viele Zulieferer, mit denen sie eng verflochten sind. Viele der Leute, deren Vertrag mit 55 ausläuft, werden in diesen Subunternehmen als Direktoren, aber mit deutlich reduziertem Gehalt, abgeladen, was den positiven Effekt hat, daß Wissen, Erfahrung und persönliche Kontakte ausgestreut werden.

Für Frauen ist übrigens folgender Karriereweg vorgesehen: sie arbeiten eine Zeitlang in der Firma, heiraten möglichst früh, werden dann entlassen, ziehen ein paar Kinder groß und werden dann wieder eingestellt.

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Und was ist mit dem "Rest", also den Arbeitern, die nicht zu den Kernbelegschaften gehören?

Diese arbeiten zum Beispiel auf der Basis von jährlich verlängerten (oder auch nicht) Zeitverträgen, teils auch bei den Großunternehmen, aber vor allem bei den kleinen Zulieferern und Dienstleistern.


Weiterführende Informationen:

Björn Assmann hat eine interessante Seite über japanische Gewerkschaften verfaßt: http://japanische-gewerkschaften.de/


Erstellt am 22.3.2003. Letzte Änderung: 19.1.2011

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