8. Kapitel

Schrift II : Kanji Einführung

Kanji (= Han- (chinesische) Buchstaben) sind ursprünglich eine Art Piktogramme, d.h. Bildchen, die das darstellen, was sie bedeuten. Die Ursprünge dieser Zeichen gehen über 10.000 Jahre in die Vergangenheit zurück - zumindest sind die ältesten bekannten "Schriftzeichen" so alt, dürften allerdings kaum die unmittelbaren Vorläufer der heutigen Kanji sein. Diese bekamen ihre heutige Form etwa in der Zeit 300 - 200 v.Chr., als mit Papier und Pinsel auch die dazu passenden Schreibmaterialien zur Verfügung standen.

Trotz der starken Abstraktion und Stilisierung sieht man auch heute noch einigen Zeichen an, was sie bedeuten und woraus sie sich ableiten. Hier eine kleine Auswahl:

JASMS Japanisch Sprachkurs - einfache Kanji

Solche Piktogramme sind bei abstrakten Wörtern natürlich nicht möglich. Zu solchen Begriffen wurden Kanji konstruiert, die sich aus mehreren einfacheren Kanji zusammensetzen. Ein Teil dieser Zusammensetzunge gibt dann i.A. die Lesung an (allerdings die chinesische), der Rest ist ein (mehr oder weniger aussagekräftiger) Hinweis auf die Bedeutung.

Die Japaner haben keine eigene Schrift entwickelt, sondern diese, wie so vieles andere, aus dem Ausland (in diesem Fall eben aus China) übernommen und mit eigenen Ideen angereichert (z.B. gehen die beiden Kana-Alphabete ursprünglich auch auf die Kanji zurück. Im chinesischen gibt es nichts dergleichen). Allerdings unterscheidet sich Japanisch von Chinesisch sehr stark, und nicht für jedes Wort der einen Sprache fand sich genau ein Wort der anderen. Daher kommt es vor, daß es für einen japanischen Begriff 2 (oder noch mehr) Kanji gibt (z.B: "atsui" = "heiß". Je nachdem, ob ein heißer Gegenstand oder heißes Wetter gemeint ist, muß man ein anderes Kanji benutzen), und umgekehrt, daß es für ein japanisches Wort überhaupt kein Kanji gab, so daß ein mehr oder weniger willkürlich gewähltes anderes dafür herhalten mußte.

Aus der Bedeutung und dem Bild geht natürlich nicht die Aussprache eines Kanji hervor. Im Chinesischen hat jedes Zeichen (jeweils pro Dialekt) nur eine Lesung, im japanischen 1 bis > 10 (und zwar i.A. mehrere chinesische und mehrere japanische Lesungen). Meistens sind es 1 - 3. Damit steht der Japaner gelegentlich vor einem Problem, daß Europäern unbekannt ist: er liest ein Kanji, weiß zwar ungefähr, was es bedeutet, aber nicht, wie es ausgesprochen wird. Daher verwendet man sog. Furigana, d.h. über oder neben dem Kanji geschriebene kleine Hiragana als Lautschrift. Manga für Kinder und Jugendliche schreiben generell neben jedes Kanji Furigana, was das Lesen (und Nachschlagen unbekannter Kanji) sehr erleichtert. In "normalen" Texten werden Furigana nur bei selten benutzen Kanji hinzugefügt.

Es gibt ungefähr 50.000 (chinesische) Kanji, das Japanische übernahm davon im Laufe der Zeit ca. 10.000 (die genaue Zahl weiß wohl keiner). Heutzutage beherrscht der gebildete Japaner ca. 4000 - 5000 Kanji; um eine Zeitung lesen zu können, sollten die knapp 2000 von der japanischen Regierung für den allgemeinen Gebrauch empfohlenen ausreichen (Namen allerdings ausgenommen). Den "Grundwortschatz" bilden ca. 1000 Kanji. Damit kommt man schon ganz gut durch. Außerdem verwendet nicht jedes Buch oder Zeitung für jedes mögliche Wort Kanji. Genausogut kann man alles in Hiragana (und Katakana) schreiben, was aber Lesen und Verständnis erheblich erschwert.

Wie schon erwähnt, haben Kanji in der Regel mehrere Lesungen. Die chinesischen Lesungen nennt man ON-Lesung(en) - sie werden in Großbuchstaben angegeben -, die japanischen kun-Lesung(en) - in Kleinbuchstaben. (So perfektionistisch halte ich es auf meinen Seiten nicht, hauptsächlich deshalb, weil ich nicht immer feststellen konnte, welche Lesung eigentlich vorliegt.)

Üblicherweise sind die ON-Lesungen nur ein- oder höchstens zweisilbig, die kun-Lesungen meist länger. Es gibt jedoch auch ein paar wichtige einsilbige kun-Lesungen:

Was das Lernen dieser Zeichen angeht, so muß jeder Interessierte wohl seine eigene Methode finden. Bei den Mangas und Animes werden zum Beispiel viele Namen in Kanji geschrieben. Das ist vielleicht ein guter Einstieg, um mit dem Lernen zu beginnen. Auf jeden Fall muß man viel üben, vor allem das Schreiben (mit der richtigen Strichfolge).

Apropos 'Strichfolge': wenn Sie eine Zeitlang Kanji geschrieben haben, werden Sie merken, daß im Design dieser Zeichen mehrere Jahrtausende Arbeit stecken.

Warum verwenden die Japaner überhaupt (noch) Kanji, obwohl sie auch für sie selbst schwer zu lernen sind? Nun, Kanji sind sehr schön, praktisch, und wenn man sie einmal beherrscht, kann man Texte extrem schnell lesen und verstehen. Sie können das an sich selber ausprobieren: heutzutage enthalten viele japanische Texte auch europäische Schriftzeichen, und wenn Sie sich einen solchen Text ansehen, finden Sie "ihre" Zeichen auf einen Blick. Genauso genügt einem Japaner ein Blick, um ungefähr zu wissen, um was es in einem Text geht. Offenbar ist das menschliche visuelle System leistungsfähig genug für so ein Kunststückchen, wenn es entsprechen programmiert ist.


Generelle Überlegungen zu Symbolschriften

In Schriften, die aus Buchstaben bestehen, gibt die Schreibung auch (mehr oder weniger) die Lesung an. Das ganze ergibt dann das Wort mit seiner Bedeutung. Symbolschriften wie die chinesische (und als Teilmenge davon die japanischen Kanji) bestehen gewissermaßen aus Piktogrammen, die von der Lesung / Aussprache losgelöst sind. Das hat faszinierende Konsequenzen:

Stellen Sie sich vor, jemand drückt Ihnen Caesars "De Bello Gallico" ("Über den keltischen Krieg") in die Hand. Sie können aber leider kein Wort Latein, deshalb müssen Sie sich eine Übersetzung besorgen, wenn Sie die Sache interessiert.

Bei den Chinesen sieht die Sache ganz anders aus. Die Schriftzeichen haben sich in Schreibung und Bedeutung seit ca. 2500 Jahren im wesentlichen nicht mehr verändert. Die Wörter wurden damals wahrscheinlich ganz anders ausgesprochen als heute (und heute in jedem Dialekt anders), aber die Bedeutung ist immer gleich. Wenn Sie die chinesischen Schriftzeichen beherrschen, können Sie ohne weiteres 2000 Jahre alte Bücher lesen (oder zumindest dem Sinn nach verstehen). Und es geht sogar noch weiter: Chinesen und Japaner können schriftlich ganz gut kommunizieren, obwohl ihre beiden gesprochenen Sprachen völlig verschieden sind.

So umständlich, starr und schwer zu erlernen die Kanji auch erscheinen, ihre Vorteile sind so überzeugend, daß in China und Japan niemand daran denkt, sie abzuschaffen (ganz davon abgesehen, daß das wegen der zahllosen Homophone in diesen Sprachen sowieso sehr unpraktisch wäre).

Eine großen Nachteil haben Schriften, die nicht auf Buchstaben beruhen: es gibt keine definierte alphabetische Reihenfolge, und somit kann man weder Wörterbücher noch Telefonbücher nach irgendeinem einfachen Schema ordnen. Kanji werden statt dessen nach Radikalen geordnet, aber davon gibt es über 200. Das ist besser als gar nichts, aber eher eine Notlösung.

Wie immer, haben die Japaner die Sache pragmatisch gelöst und ordnen z.B. in Wörterbüchern die Wörter nach dem europäischen Alphabet. Und japanische Telefonbücher werden ebenfalls so sortiert, als wären die Namen in Romaji geschrieben.


Literatur


Erstellt am 8.9.1997. Letzte Änderung: 19.1.2011

  1. Einführung
  2. Die Aussprache
  3. Grammatik I: Grundlagen
  4. Grammatik II: Satzbau
  5. Grammatik III: Zahlen und Adjektive
  6. Grammatik IV: "te"-Form, fortgeschrittene Konjugation
  7. Schrift I: Kana
  8. Schrift II: Kanji - Einführung
  9. Schrift III: Kanji - Grundwortschatz, Besonderheiten
  10. Schrift IV: Kanji-Radikale und Entwicklung
  11. Schrift V: Wichtige Begriffe und Redewendungen
  12. Schrift VI: Wichtige Begriffe aus "Sailor Moon"
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